Juror: Wieland Herold

Mit Anleihen an „Fux&Bär“ habe ich mich bei jedem Spiel gefragt: Ist das gut oder kann das weg?

Teubers Adel verpflichtet, bei F.X. Schmid 1990 erschienen, war nach Barbarossa schon der zweite Titel „Spiel des Jahres“ für Klaus Teuber. Mit seiner gleichzeitigen Auszeichnung in Essen startete er den Wettbewerb des Veranstalters der Spiel in Essen, Friedhelm Merz, gleich mit einem Doppelsieg.

Aus heutiger Sicht wird Teubers Spiel auf BGG mit einem Ranking von 6,5 geführt, steht bei den Familienspielen auf Rang 456 und auf der Gesamtliste hat es Platz 1.544 inne ( Stand 07.05.2021), die Tendenz ist fallend. Die Spielstatistik verweist gerade einmal auf drei Spiele in diesem Monat. Insgesamt werden 10.203 Partien angezeigt.  Immerhin steht das Spiel noch auf 436 Wunschlisten und 423 User bieten es zum Tausch an.

Die Besonderheit von Teubers Idee, die 1990 zum Doppelsieg führte, ergab sich aus der doppelten verdeckten Aktionswahl. Thematisch wirkte alles zwar nicht so überzeugend, obwohl F.X. Schmid das grafisch ordentlich umsetzte und sogar neue Dreiecksfiguren kreierte. Wir bewegen uns als Adlige zwischen Auktionshäusern und Schlössern, in denen Ausstellungen veranstaltet werden. Für die Entscheidungsphasen besitzt jeder zwei dieser Ortskarten und zusätzlich ein Set mit vier Geldkarten, zwei Dieben, einem Detektiv und einer Ausstellungskarte. Das Neue war damals das gleichzeitige Agieren in beiden Spielphasen.

Zuerst legen die Spieler verdeckt eine ihrer beiden Ortskarten aus. Die Spieler, die ins Auktionshaus wollen, gehen sofort in die zweite Runde. Wer den höchsten Scheck legt, hat Zugriff auf eine der beiden offenen Ausstellungskarten, wer den höchsten Dieb legt, bekommt den obersten Scheck aus der Kasse. Für den Dieb bleibt diese Aktion folgenlos, er darf dann wieder auf die Hand genommen werden.

Anders sieht das im Schloss aus. Hier gibt es mehr Optionen. Wer mindestens drei Karten in aufsteigender Buchstabenfolge vorweisen kann, darf eine Ausstellung zeigen. Ist es die größte Sammlung, wandert die eigene Spielfigur auf dem Spielplan entsprechend von Feldvorgaben voran. Auch hier können Diebe eingesetzt werden, die sich aus sämtlichen Ausstellungen bedienen. Wird ein Detektiv eingesetzt, verhindert er zwar nicht den Raub, dafür bringt er aber die Diebe ins Gefängnis, die damit für eine gewisse Zeit ruhiggestellt sind.

Landet eine Spielfigur im Zielbereich, endet Adel verpflichtet. Für die Schlussauswertung hat sich Teuber dann aber noch eine Zusatzbelohnung mit acht Schritten für den Spieler mit der größten Sammlung vorbehalten und auch der zweite bewegt sich noch vier Felder weiter. Wer dann am weitesten vorn ist, gewinnt das Spiel.

1990 war Teubers Idee eine kleine Sensation. Die gleichzeitigen Aktionen, das ständige Bluffen brachten so viele Spannungsbögen in den Spielablauf, wie man sie bisher aus keinem vorherigen Spiel kannte. Adel verpflichtet ist ein Spiel fast ohne Leerlauf mit extremer Interaktion, dafür hat es 1990 Maßstäbe gesetzt. Die Erlebnisse sind zum Teil unvergesslich, wenn im Schloss gegen Ende nicht eine einzige Ausstellung gespielt wird, sondern alle den Sherlock spielen. Ähnliches durfte ich auch umgekehrt nur mit Dieben erleben. Ein originelles Familienspiel mit Tiefgang, das auch heute noch für mich Bestand hat, vor allem zu viert und zu fünft, und nicht weg kommt!

Für Rüdiger Dorn war Louis XIV. schon die dritte Auszeichnung auf dem Treppchen des Deutschen Spielepreises. 2001 gewann er für Die Händler on Genua  (Alea) den Bronzeplatz, gleichzeitig landete sein Spiel auf der damaligen Auswahlliste der Jury Spiel des Jahres. 2004 wiederholte er diesen Erfolg mit Goa (Hans im Glück), ohne Listenerwähnung allerdings. In der schon gewohnten Kooperation mit Stefan Brück von Alea gelang ihm dann der ganz große Erfolg 2005 mit dem ersten Platz beim Deutschen Spielepreis. Allerdings würdigten die Juroren von Spiel des Jahres auch dieses Spiel Rüdiger Dorns nicht.

Im Rating auf BGG liegt Louis XIV. deutlich vor Adel verpflichtet. Mit einer 7,1 und einer Platzierung unter den ersten 1.000 Spielen (Platz 736; 07.05.21) steht das Spiel nicht überragend, aber ganz ordentlich da und bewegt sich im Umfeld von Greg Daigles HAWAII und dem wunderschönen GENTES von Stefan Risthaus.  Bei der aktuellen Spielfrequenz nehmen sich die beiden Oldies nicht viel. Dorns Spiel ist gerade viermal herausgeholt worden. Die Gesamteintragungen ergeben 9.951 Partien. 700 User haben das Spiel auf ihrer Wunschliste stehen, fast exakt die Hälfte davon, 351, bietet es an.

Verdecktes Spielen spielt auch in Dorns „Ränkespielen am Hofe des Sonnenkönigs“ eine wichtige Rolle. Hier sind es aber vor allem verdeckte Ziele, die die bis zu vier Spieler verfolgen, um Macht und Einfluss am Hofe des Königs zu gewinnen. Intrige wäre auch ein guter Spieletitel gewesen, wenn ihn Stefan Dorra nicht schon besetzt hätte.

Den Hof des Königs müssen wir uns selbst errichten, auf einen Spielplan verzichtet Alea hier in der kleinen Schachtel. Auf Lücke gelegt, ergibt er sich aus zwölf Personentafeln. Einflusssteine, etwas Geld und die ersten geheimen Aufgaben begleiten uns in das Spiel. Die Agierenden sind der Geschichte des 17. Jahrhunderts in Frankreich entnommen, ein kleines Glossar am Ende der Spielregel liefert Lebensdaten und Kurzinfos. So etwas mag ich als Historiker.

Den Spielablauf hat Dorn klar und gut überschaubar strukturiert. Louis XIV. spielt sich in nur vier Runden, die wiederum in vier Phasen gegliedert sind.  Am Anfang gibt es Geldnachschub für alle, dann  können Profite aus erledigten geheimen Missionen  eingefahren werden, schließlich bekommt jeder fünf Einflusskarten, die mit den ausliegenden Personenkarten korrespondieren. Entsprechend werden sie auch in der zweiten Phase genutzt. Wir nehmen Einfluss auf die Agierenden. Das Spielen einer Karte ermöglicht das Platzieren von bis zu drei Einflusssteinen auf dieser Karte. Wer möchte kann á la Kalaha, die gelegten Steinchen angrenzend verteilen, muss aber immer einen Stein auf der Ausgangskarte lassen. Das ist immer dann hilfreich, wenn man nicht anders an eine gewünschte Person herankommt. Die Mangelwirtschaft betreibt Dorn in diesem Spiel mit den Steinen, schon zu Spielbeginn wird die Gesamtzahl von 16 reduziert und es liegen je nach Startpositionen zwischen fünf und sieben Steine als Vorrat in der Tischmitte. Wer Nachschub braucht, kann sich hier bedienen und wirft eine Einflusskarte für drei Steinchen ab. Es gibt übrigens auch noch Joker-Karten, für die die Steine beliebig, aber auch begrenzt gelegt werden dürfen. Joker lassen nur zwei Klötzchen zu. Bis auf die letzte Einflusskarte werden alle gespielt, das können im Laufe des Spiels durchaus mehr als vier sein, dann folgt die Auswertung in Form einer „Ausschüttung“. Die Mehrheiten auf einzelnen Karten bringen spezielle Belohnungen, das sind vor allem Missions-Chips für die Erfüllung der Aufgabenkarten, das kann Geld sein, Wappen, zusätzliche Karten oder neue Steine. Zusatzboni schüttet die Figur des Königs aus. Einige Personen lassen sich auch bestechen, bei denen reicht die Präsenz eines Steines, sie halten ihre Hand für jeden, der zahlen möchte, auf. Zusätzlich helfen ab der zweiten Runde Intrigenkarten Mehrheitsverhältnisse zu kippen.

Abschließend wird überprüft, welche Missionen durch eingenommene Chips erfüllt wurden. Diese Karten werden aufgedeckt und bringen in Zukunft Vorteile, außerdem gibt es kostenfrei eine neue Mission dazu.

Nach vier Runden ist Schluss, für übrige Karten, Missions-Chips und Geld lassen sich Wappen eintauschen, für die Mehrheitenwertungen stattfinden. Wer die Mehrheit besitzt, bekommt ein zusätzliches Wappen, ansonsten zählen die Plättchen einen Siegpunkt. Jede erfüllte Mission bringt dagegen fünf Punkte. Wer das höchste Ergebnis erreicht, darf vielleicht das Taschentuch des Königs halten.

Louis XIV. muss man eine tadellose Konstruktion attestieren. Das Spiel ist klar strukturiert, besitzt durch die Einflussnahme auf die Boni, die die unterschiedlichen Personen ausschütten, genügend Spielspannung. Das Geflecht zwischen Aufgabenkarten und Personentafeln gibt ein spannendes Gegeneinander, wobei die Mehrheitenbildung sehr geschickt durch die Verschiebungsmöglichkeiten der Steine geregelt ist. Dorn hat das alles zusammen mit Stefan Brück fein austariert. Anfänger sind anfangs ob der vielen Optionen erschlagen und brauchen schon ein paar Partien, um mithalten zu können.

Da die Wappenmehrheiten letztlich nur verdeckt gewonnen werden, taucht allerdings ein Glücksfaktor in diesem taktischen Spiel auf, der hier nichts zu suchen hat. Nervig fand ich immer schon den Verwaltungsaufwand, ein Spielplan hätte dem Ganzen besser angestanden. Das Spiel hätte durchaus auch gut in eine große Alea-Schachtel gepasst.

2005 hatte Dorns Spiel und die Auszeichnung seine Berechtigung. Die Genialität einer Wasserimitation wie in Niagara (2. Platz beim Deutschen Spielepreis und Spiel des Jahres 2005) geht dem Sonnenkönig aber ab. Auch Jambo von Rüdiger Dorn, das die Jury damals nominierte, ziehe ich heute nochLouis XIV. vor, ein Spiel wie Funkenschlag (2005 nur empfohlen) jedenfalls auch.

Vom Urteil her bleibt die Einschätzung der „tadellosen Konstruktion“. Das, was auf der Strecke bleibt, ist die Atmosphäre, wie sie sich in Versailles authentisch hätte abspielen können. Schon damals wurde Dorns Spiel immer wieder als Ableger von El Grande  bezeichnet. Es ist sein kleiner Bruder, der bewundernd stets zum großen aufblickt, ihn aber bei weitem nicht erreicht. Im Angebot der Mehrheitenspiele gab es daher vor Louis XIV. schon bessere Ideen und erst recht danach.

Das Spiel kann für mich daher weg!

 

Morgen gehen gleich doppelt so viele Juroren an den Start: Die Entscheidung wird uns präsentiert von der Spielfritte, bestehend aus Kaddy und Funfairist.

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