Kolumne 4-23

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Letztens wurde ich wieder gefragt, was ich denn gern in meiner Freizeit tue. Diese Frage hat etwas unerwartet Erinnerungen geweckt. Als ich noch Rollenspiele gespielt habe, hörte ich oft, dass Leute ihr Hobby mit der vermeintlich humorvollen Anmerkung ergänzten, dass damit nicht die im Schlafzimmer gemeint sind. Oft holten sie dann noch aus und sprachen von vielen, sehr erhaben klingenden Konzepten wie „immersives Geschichten erzählen“ oder „als Held Abenteuer erleben“ usw. Ich habe mittlerweile keinen Kontakt mehr zu meiner örtlichen Rollenspielszene, daher weiß ich nicht, ob diese Verlegenheitsantworten noch immer fallen. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass mit der stärkeren Präsenz von Rollenspielen wie Dungeons & Dragons in Serien wie Stranger Things, das Hobby zu einem Grad normalisiert wurde. Auch wenn man keinen direkten Kontakt mit diesen Spielen hatte, gibt es dennoch ein grobes Verständnis davon was diese Spiele tun und wie sie aussehen können. Wenn der Begriff „Rollenspiel“ fällt, ist die erste Assoziation weder sexy Holzfäller, noch unartiges Zimmermädchen. Es ist eher der Gedankenschinder aus der Schattenwelt.

Wenn es jedoch um Brettspiele geht, bin ich mir nicht ganz sicher wie normalisiert diese sind. Ich denke zumindest, dass man es schon vorsätzlich darauf angelegt haben muss, um noch nie ein Brettspiel gespielt zu haben. Brettspiele zu kennen ist kein obskures Geheimwissen, sondern eher ein spleeniges Hobby. Man kennt Brettspiele, aber vielleicht „kennt“ man sie noch nicht richtig.

Wobei natürlich auch die Brettspielszene ihre Verlegenheitsantworten besitzt, die schnell mal geäußert werden, wenn man die eigene Leidenschaft umschreiben soll. „Nein, nicht wie Monopoly“  ist da sehr beliebt. Denn offensichtlich gibt es immer noch eine Facette an Brettspielen, die Unbedarften nicht sofort ersichtlich ist. Natürlich kennt man Spiele aus der Kindheit. Einfache Spiele, welche gelegentlich auch schon große Emotionen geweckt haben, aber in Form und Inhalt doch verhältnismäßig seicht waren.

Aber als erwachsene Person packen Brettspiele nicht zuletzt, weil sie gemeinsam mit vielen Spieler*innen gewachsen sind. Sie sind anspruchsvoller geworden. Am Augenfälligsten in ihrer Form. Der „Würfeln und Spielfigur bewegen“-Mechanismus wird heute meist nur mit einem Augenrollen quittiert. Auch ist es nicht unüblich, dass ein modernes Brettspiel mit vielen Aktionsmöglichkeiten aufwartet. In einem modernen Brettspiel stehen taktische und auch strategische Entscheidungen im Mittelpunkt. Der Nervenkitzel eines Glücksmoments ist zwar in der Regel nicht verpönt, aber es herrscht vorrangig die Ansicht, dass ein Spiel schon mehr bieten muss als nur das.

Im modernen Brettspiel kann man sorgfältig differenzieren und darüber sprechen welche Elemente das Spieldesigns das Spielerlebnis nachhaltig formen. Man kann feinsinnig darüber diskutieren wie viel Entscheidungsfreiheit in einem bestimmten Spiel notwendig ist, oder auch verhindert werden müsste. Wenn etwas Alkohol geflossen ist und die eigenen Sinne ausreichend gedämpft, kann man sich sogar lang und breit über das Thema das Spiels und den darin versteckten Aussagen machen.

Das alles lässt mich zum Schluss kommen, dass die Beschäftigung mit Brettspielen kein Stück mehr oder weniger ernstzunehmen ist als es etwa Sport, Kaffee oder Genrefiktion ist. Die Spielewelt ist sein meiner Kindheit enorm gewachsen und gereift. Es gibt Spiele, die auf unterschiedlichstem Niveau, zu unterhalten und beschäftigen wissen. Von grübellastigen Strategien bis hin zu kindischem Wettstreit. Darum habe ich auch keinen Bedarf mehr an Verlegenheitsantworten, wenn ich gefragt werde was meine große Leidenschaft ist. Es ist das Brettspielen und daran ist nicht peinlich.

Euer
Georgios von der Spielbar.com