Auch wenn die Messe nun schon gelaufen ist, möchte ich noch einmal den Blick darauf werfen. Wofür fährt man auf diese wunderbare Messe in Essen namens SPIEL? Da gibt es nun viele Antworten drauf, und in den letzten Jahren mehren sich auch kritische Stimmen. Ist das alles nur noch eine Verkaufsmesse, wo man seinem Kaufrausch und FOMO erliegt? Wollen manche nur mit ihren überdimensionierten Brettspiel-Rucksäcken die Gesichter von Messebesucher*innen streicheln? Andere prügeln sich lieber um angeblich lebensnotwendige Promos, die man bei BGG teilweise einfach zum Selberdrucken findet. Für mich ist und war die Messe aber immer auch ein Ort, an dem ich Prototypen und kommende Brettspiele aus dem Bereich Crowdfunding antesten konnte. Nur dieser Einblick verschafft einem doch wirkliche Klarheit, ob man bei einer teuren Kampagne wirklich dabei sein muss. Entsprechend möchte ich meine Top 3 den Demo-Runden für die interessantesten Brettspiele der Zukunft widmen.

Top 3 der Demo-Spiele,
auf die ich verdammt neugierig bin

Platz 3 – Federation

Erstens mag ich die Tischpräsenz von Federation, zweitens trifft Science-Fiction auf Politik und drittens weiß ich wenig, bin einfach nur trotzdem neugierig. Federation ist ein Eurogame, bei dem die Interaktion hoch im Kurs steht. Das mag ich grundsätzlich. Du wirst durch deine Föderation auf die Probe gestellt, um die nächste Delegation zu stellen. Die stellt nur die Person mit dem meisten Prestige, was einem Spielsieg gleichkommt. Was direkt ins Auge springt, ist die doppelseitige Worker-Placement-Mechanik. Jede Seite der Botschafter (Abstimmungsseite und eine Finanzierungsseite) löst andere Effekte aus. So schickt man seine Botschafter in den Senat, sammelt Prestige, entwickelt Großprojekte, schickt Raumschiffe auf Spezialmissionen und beendet die Runden, indem über Mehrheiten im Senat Gesetze verabschiedet werden. Ich sehe mich schon jetzt um Einfluss und Gesetze streiten!

Platz 2 – Tindaya

Optisch und thematisch holt es mich erstmal total ab. Wir befinden uns auf den Kanarischen Inseln am Ende des 15. Jahrhunderts und versuchen als ansässiger Stamm, mit seinem Glauben an die Götter und Legenden dem drohenden Untergang entgegenzuwirken. Spielerisch ist es ein absolutes Eurogame, das auf den ersten Blick typische Mechanismen abbildet. Was mich allerdings neugierig gemacht hat, ist der Umstand, dass Nachhaltigkeit eine Rolle spielt. Produzierst du im Überfluss, werden dich die Naturgötter bestrafen. Produzierst und entwickelst du zu wenig, wird dein Stamm verhungern. Dazu ist das Spiel sprachneutral gehalten, was für meine Spielgruppen nicht ganz unwichtig ist.

Platz 1 – Voidfall

Die Kickstarter-Kampagne ist nun beendet, aber es wird einen Late Pledge geben. Auf den ersten Blick passt da einfach alles. Dieses megageile Material! Habt ihr die Flottenständer gesehen? Dazu natürlich mit 4X mein Lieblingsgenre und thematisch mein Herz mit Science-Fiction erobert. Als Verlag sitzt Mindclash Games am Steuerpult, die mich bisher noch nie enttäuscht haben, eine deutsche Version anbieten und Ian O’Toole macht auch noch die Pinselarbeit. Ich musste dieses Teil einfach spielen, da führte kein Weg dran vorbei. Das hat aber vor allem auch einen besonderen Grund, denn bei all der Begeisterung: ich traue dem Meeple-Braten noch nicht ganz. Das Spiel ist noch viel weiter in der Eurogame-Ecke als Eclipse, will Glück gänzlich vermeiden, und die Kämpfe sind eher eine Matheaufgabe als ein Thriller. Brauche ich das also wirklich? Herausfinden konnte ich das aktiv nicht, es waren von Donnerstag bis Sonntag alle Tische ausgebucht. Eine Regelerklärung habe ich mir trotzdem gegeben, und mein Ticket für den Hype-Train wurde gebucht.

– Christian Jakob, www.brettundpad.de

Kommentare aus dem
Beeple-Netzwerk

Jürgen (spielbar.com)

Nun denn, zu allen drei Spielen, die Christian ausgewählt hat, kann ich … tada … nichts sagen. Crowdfunding-Spiele lassen mich immer ein wenig zwiegespalten zurück. Ja, ich bin auch bei (viel zu) vielen investiert. Ja, Crowdfunding macht viele Spiele erst realisierbar. Und bei den hier genannten großen Brocken darf man vermutlich auch von redaktionell guter Arbeit ausgehen. Dennoch: Christians Vorschlag, die Spiele in Essen mal im Demo kennenzulernen, ist sicher nicht verkehrt. Problem nur: Möchte ich die SPIEL für Spiele nutzen, die teils erst in einigen Jahren kommen? Oder mag ich doch lieber die Spiele kennenlernen, die ich auch jetzt schon in meine Spielerunden mitnehmen kann?

 

Christian (spielstil.net)

Mein Gott, jetzt wollte ich hier gerade über die Spielauswahl von Christian herziehen und aufzeigen, warum sein Geschmackssinn im Brettspielbereich mehr als verwirrt sein muss, und dann zieht er solche Titel aus dem Ärmel. Na super, jetzt kann ich nicht nur meinen ursprünglichen Plan vergessen, sondern auch, dass mein Konto schadlos an dieser Liste vorbeigehen wird. Danke Merkel Jacob!

 

Mathias (Cliquenabend)

Da hat sich Christian wirklich zwei feine Titel ausgesucht. Zwei?! Ja, für mich sind es zwei, denn die Titel von Mindclash Games sind mir oft zu verkopft und auch Voidfall hat sich nicht so angehört, als wenn sich dies ändern würde. Da es aber voraussichtlich sogar erst 2023 kommen soll (laut BGG) kann man da auch noch abwarten. Hingegen hat mich Federation schon sehr neugierig gemacht mit den unterschiedlichen Effekten der Worker und der Politik im Spiel. Und Tindaya spricht mich optisch von den ersten Bildern sehr an, und ich finde es ja ohnehin sehr schön, wenn Nachhaltigkeit auch in Spielen eine Berücksichtigung findet, und allein schon deswegen bin ich sehr gespannt. Da ich persönlich nicht auf der Messe sein werde, hoffe ich, dass Christian auf jeden Fall Federation und Tindaya spielen und mir von seinen Eindrücken berichten kann. Wer Wasserkraft liebt, kann keinen schlechten Geschmack haben.

 

Tobias (fjelfras.de)

Also ich halte es da mehr mit Jürgen als mit Christian. Gezielt werde ich nach solchen Prototypen nicht Ausschau halten und habe mich deswegen im Vorfeld auch nicht in diese Richtung informiert. Allerdings habe ich mir auch wieder einen Tag frei geschaufelt, bei dem ich mich auf der Messe treiben lassen kann. Und manchmal bleibt man dann bei solchen Projekten hängen. Meist überzeugen mich die Spiele dann nicht wirklich, aber ohne solche Erlebnisse hätte ich sicherlich nicht Barrage (aka Wasserkraft) und Glory – A Game of Knights kennengelernt und dann auch unterstützt. Somit habe ich Christians Liste im Hinterkopf abgespeichert – und lass mich dann mal überraschen.

 

Hilko (Du bist dran!)

Hm. Zu diesem Thema kann ich eigentlich gar nichts beisteuern. Erstens bin ich nur selten für Crowdfunding-Kampagnen zu haben und zweitens spiele ich auf der Messe ziemlich wenig, weil ich hauptsächlich hinfahre, um Leute zu treffen. Klar kommen da ein paar Runden zusammen, aber das ist gar nicht meine Hauptmotivation an Essen. Ausnahmen mache ich, wenn Leute aus meinem Bekanntenkreis mich explizit einladen, ihren neuen Prototypen zu spielen. Vor zwei Jahren konnte ich dadurch Tough Calls und Tori-Tori kennenlernen, die beide dieses Jahr erschienen sind. Und auch Cine Write and Trade war so ein Highlight, das war toll. Aber das waren Sachen, die sich spontan ergeben haben. Normalerweise klicke ich in den einschlägigen Vorschauen die reinen Demorunden einfach weg, damit würde ich mich nicht intensiv beschäftigen. Also zucke ich auch hier nur mit den Schultern.